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Erzählungen vom toten Kitz

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Erzählungen vom toten Kitz

Das morgendliche Rot der Dämmerung schien durch die geöffneten Vorhänge und vermittelte den Eindruck, dass die kleine, schick eingerichtete Dachwohnung in Flammen stünde.

Zwar war es noch nicht allzu spät, doch man spürte, dass die langen, hellen Tage des Sommers vorüber waren und das gerade Erlebte zur Erinnerung wurde.

Michael wachte als Erster auf und stellte vorsichtig den Wecker, der in fünf Minuten den Schlaf beider abrupt beendet hätte, aus und drehte sich zu Tanja.

Mit einem sanften Kuss auf ihre Wange weckte er sie.

„Guten Morgen Sonnenschein. In zwölf Stunden treffen wir uns mit den beiden. Es gibt noch viel zu tun und noch mehr zu besprechen“, sagte er zu ihr, als sie ihn verschlafen und noch etwas benommen ansah.

„Sag bloß, nur deswegen weckst du mich an einem Samstagmorgen um sechs Uhr früh! Wir sind das doch schon einhundert Mal durchgegangen!“, entgegnete sie gereizt.

„Aber es muss heute Abend doch perfekt sein“, gab Michael zurück. Indem er aufstand und im Bad verschwand, beendete er die Diskussion, noch ehe sie etwas erwidern konnte.

Sie hasste dieses Kräftemessen zwischen ihnen und ihren Freunden Melanie und Robert.

Alles fing vor sechs Jahren an. Michael und sie kamen gerade von ihrer Wandertour durch den Schwarzwald zurück. Sie waren von der abenteuerlichen Erfahrung, mit Rucksäcken durch die deutsche Wildnis zu wandern, überwältigt. Ihr Enthusiasmus überragte sogar den Feldberg, sodass sie zu einem dieser Pärchen wurden, das wochenlang nur noch von sich und ihrem Urlaub erzählen konnte.

Genau in diese Zeit fiel das jährliche Essen zwischen ihnen und ihren ehemaligen Schulfreunden.

„Heute muss man dem das Wort leider beifügen“, dachte Tanja und wurde bei der Erinnerung daran, wie alles begann, wütend und traurig zugleich.

Natürlich erzählten sie ihren alten Freunden viel, vielleicht zu viel und zu detailliert, von ihrer kleinen Reise. Doch sicher nicht um anzugeben, sondern um die Spannung und Freude abzubauen und mit Menschen zu teilen, die ihnen wichtig waren.

Ein Jahr später erzählten Melanie und Robert von ihrer Alpentour, die, das sei nebenbei erwähnt, fünf Tage länger dauerte als ihre damalige Schwarzwaldtour.

Tanja freute sich für ihre Freunde und lauschte gespannt – und auch etwas neidisch – den freudigen Erzählungen. Die Geschichten des Paares erinnerten sie an ihre eigene Reise im Jahr zuvor und schufen viele Weißt-du-noch-Momente.

Doch Michael sah in dem Alpentrip nur eine Revanche für den Schwarzwaldurlaub. So begann er zu fantasieren. Robert und Melanie würden Wandern doch hassen und seien auch ganz sicher keine naturverbundenen Menschen.

Das alles musste eine Racheaktion gewesen sein, das war für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche.

Natürlich versuchte sie ihn zu überzeugen, dass Robert und seine Frau die Schwarzwaldtour sicher nicht mit ihrer Alpentour überbieten wollten. Doch nach einem halben Jahr immer wiederkehrender Diskussionen und aufrührerischer Reden fing sie an ihm Glauben zu schenken.

Also stimmte sie dem Österreichurlaub zu, obwohl sie keine große Lust hatte, so weit zu fahren.

Auf die Frage, warum es nicht die Ostsee sein könne, antwortete Michael, dass es südlicher und weiter sein müsse als die Bayrischen Alpen.

Wirklich verstanden hatte sie diese Logik nicht. Sie schob sein Verhalten auf seinen fehlenden Chromosomarm und beschloss zu schweigen.

Also fuhren sie nach Wien und verlebten dort schöne Tage. Und im Nachhinein wurde diese Reise zu einem Teil ihrer Erinnerung, den sie nicht mehr hätte missen wollen. Für sie hatten die gemeinsamen Reisen anfangs noch ihr Gutes.

In dem Jahr freuten sie sich ganz besonders auf das Essen mit ihren lieben Freunden. Doch sie staunten nicht schlecht, als diese Fotos von ihrem Schweizurlaub mit ins Restaurant brachten.

Michael war außer sich und natürlich musste es im nächsten Jahr Spanien sein.

„Wieso gleich Spanien?“, unternahm sie ihren obligatorischen Versuch, als Stimme der Vernunft zu agieren.

„Weil die beiden sicher nach Italien fahren werden!“, entgegnete Michael bestimmt.

Also taten sie es Michael und strahlte an dem Abend des jährlichen Zusammentreffens ihrer Meinung nach mehr als am Tag ihrer Hochzeit.

Das nächste Ziel stand natürlich auch sofort fest. Sie wusste es, noch bevor die Worte von Michaels Lippen das P von Portugal formten. Viel blieb ihm geografisch ja auch nicht mehr übrig.

Es kam, wie es kommen musste: Letztes Jahr hatten beide Pärchen das gleiche Ziel! Und anstatt zusammen zu fahren, wurde genau erfragt, wer wo und wie lange die schönste Zeit des Jahres verbracht hatte.

Es erschien lächerlich, um nicht zu sagen kindisch. Doch Tanja erklärte sich das Verhalten ihres Gatten als männliches Imponiergehabe. Geht man mit offenen Augen durch die Welt, springt einem dieses weit verbreitete Phänomen förmlich an: Kinder, die ihr Spielzeug vergleichen; Halbstarke, die ihre Muskeln und die Länge gewisser Körperteile vergleichen und so weiter. Anschließend wird die Anzahl weiblicher Eroberungen auf den Prüfstand gestellt. Später folgen Statussymbole wie Autos und Häuser oder auch eben Reisen.

Auf politischer Ebene geht es dann mit atomarem Wettrüsten und Kriegen weiter.

Es hört nicht auf. Sie kannte sogar Väter, die ihre Kinderwagen aufrüsteten und sie mit denen ihrer Freunde verglichen.

Sie war nun fünf Jahre geduldig geblieben. Vor allem aus Liebe zu ihm hatte sie so einige schöne Sachen im Schaufenster liegen lassen. Doch als er ihr das neue Reiseziel mitteilte, riss der letzte seidene Faden ihres Nervenkostüms.

„Panama?!“, schrie sie ihn an.

„Panama City soll sehr kontrastreich sein. Die historische Altstadt liegt direkt neben dem Bezirk, in dem ein Wolkenkratzer neben dem anderen steht …“, versuchte er ihr die Reise schmackhaft zu machen.

„Ich geh packen ...“, antworte sie und entschwand nach oben.

„Schatz, wir haben doch noch nicht einmal gebucht!“, rief er ihr etwas konsterniert und verunsichert hinterher.

Nachdem er jedoch ihre tatsächliche Absicht erkannt hatte, lenkte er ein und versprach ihr, keine weiteren verrückten Urlaube zu planen.

„Dann sollten wir einfach das Treffen mit unseren so genannten Freunden lassen“, stellte er eines Morgens zur Diskussion.

„Das sind unsere letzten Freunde aus der Schulzeit, die sich noch mit uns treffen wollen. Du weißt genau, dass uns die meisten eh wegen deines ständigen Dranges, immer alles toppen zu müssen nicht mehr treffen wollen. Und die, die es wollen, findest du arrogant, weil sie ein paar Euro mehr verdienen! Wegen deines ständigen Machokrams möchte ich nicht auch noch diese Freundschaft aufgeben müssen!“

Dies schien ihr letztes Wort zu sein.

Einsichtig nickend schien Michael den Gedanken zu verwerfen. Er sah nachdenklich in seine Tasse Kaffee.

Da gäbe es auch noch eine andere Möglichkeit ...“, begann er.

Mein Vater war damals Jäger. Ich sah ihn, ich glaube, ich war vier Jahre, mit einem toten Rehkitz im Garten und fragte ihn, den Tränen nah, was er da mache. Er machte mir weis, dass das Reh seine Eltern verloren habe und sich hier nur ausruhen wolle. Er würde es nun in den Wald zurückfahren und mit seinen Freunden und Hunden die Eltern suchen gehen. Immer, wenn er nun auf die Jagd ging, drückte ich dem kleinen Kitz die Daumen, dass es doch bald seine Eltern wiederfände. Später, als ich älter war, musste ich über diese kindliche Naivität und Unschuld sogar schmunzeln. Und sobald jemand bei uns in der Familie log, hieß es: Er erzählt uns etwas vom toten Kitz.“

Also sollen wir lügen?“, antwortete Tanja.

Manchmal ist eine Lüge der richtige Weg“, antwortete Michael und die Idee des vorgetäuschten Mittelamerikaurlaubs war damit geboren.

Lange Gespräche und viele strapazierte Nerven später wachte sie also an diesem Morgen auf und musste ihren Samstagvormittag, -mittag und -nachmittag opfern, um Freunden am Abend einen nicht stattgefundenen Urlaub vorzugaukeln.

Michael kam geduscht aus dem Bad und stellte ihr eine Frage nach der anderen.

Wie teuer war der Flug?“, fing er sein Verhör an.

Er kostete 950 Euro. Lufthansa von Hamburg-Fuhlsbüttel.“

Was haben wir am ersten Tag abends gegessen?“

„Sancocho Ceviche. Das ist ein Eintopf aus Huhn und Gemüse in Limonensaft mit Chilischoten, Zwiebeln und Koriander. Dazu gab es marinierte Shrimps oder Fischstücke.“

Wie hieß das Schweizer Pärchen, das wir an der Hotelbar kennengelernt haben?“

Wulf.“

Wie viele Sterne hatte unser Hotel?“

4.“

Wie hieß unser Stadtführer?“

Enrique.“

Es kamen noch genau 32 weitere Fragen, die er sehr gewissenhaft von seinem Block ablas. Er kennzeichnete die Fragen, bei denen Tanja noch zu lange nachdachte. Falsch hatte sie zwar keine beantwortet, schließlich probten sie schon seit Wochen, doch sollten die Antworten wie spitze Messerstiche in das Herz der beiden Freunde eindringen und sie mit Neid erfüllen.

Am Abend schließlich trafen sich die Kombattanten vor dem Restaurant und der erste Blick fiel auf die Hautfarbe.

Die Sommerbräune könnte auch von der deutschen Sonne stammen!“, ging es Michael bei dem Anblick von Melanies Teint durch den Kopf. Nach der höflich freundlichen Begrüßung betraten alle vier das Lokal und nahmen an einem vornehm-gedeckten Tisch platz. Nach dem sich jeder etwas bestellt hatte und die ersten Gläser gefüllt waren, beschloss Michael den Stein ins Rollen zu bringen.

Und wo wart ihr dieses Jahr im Urlaub?“, er konnte die Gegenfrage kaum erwarten.

Wir waren dieses Jahr nicht im Urlaub!“ antwortete Melanie.

Erstaunt und verwirrt starrten Tanja und Michael sich an.

Also ging ihnen wohl doch das Geld aus“, dachte Michael und konnte sich ein hämisches Lächeln nicht verkneifen.

Ihr müsst wissen, irgendwann kommt man an einen Punkt im Leben, an dem man sich die Frage stellt: Sind wir soweit?“, begann Robert zu erzählen. „Nachdem wir nun jahrelang schöne Urlaube verbracht und nun nicht mehr das Gefühl haben, etwas zu verpassen, haben wir uns entschlossen, eine Familie zu gründen.“

Ich bin im dritten Monat schwanger!“, platzte es aus Melanie heraus.

Es folgte ein Quasi-Monolog Melanies über das Gefühl, Leben zu schenken und endlich eine richtige Frau zu sein.

Michael beobachtete, wie die Gesichtsfarbe seiner Herzdame bei jedem Wort der zukünftigen Mutter immer dunkler wurde.

Entschuldigt uns bitte“, sagte Tanja, ging mit Michael in Richtung Waschraum und blieb mit ihm bei der Garderobe stehen.

Ich halte diese Lobreden auf ihren fruchtbaren weiblichen Körper keine Minute mehr aus“, keuchte Tanja leise.

Michael nahm sie in den Arm.

Ich hoffe, dir ist klar, dass du nun die Antwort hast: Sie haben uns nicht provozieren, sondern nur die letzten Jahre ohne Kind richtig nutzen wollen. Und wir haben sie mit unserem dummen, kleinen Wettkampf auch noch ermutigt! Bestimmt bemitleiden sie uns, reden hinter unserem Rücken über meine Eierstöcke und stellen Theorien auf, warum wir noch nicht schwanger sind!“, schluchzte sie.

Schatz, du steigerst dich gerade in etwas hinein. Lass uns doch einfach in Ruhe zu Ende essen. Du hattest Recht. Ich hätte mich nicht herausgefordert fühlen dürfen“, versuchte er beruhigend auf seine Frau einzuwirken.

Nachdem das Dessert bereits bestellt war, kam endlich die Frage, auf die Michael zu Beginn so sehnsüchtig wie ein Vierjähriger auf Weihnachten gewartet hatte und die er jetzt genauso wenig hören wollte wie ein überzeugter Junggeselle die Worte Ich liebe Dich am nächsten Morgen.

Wo wart ihr denn dieses Jahr im Urlaub?“, fragte Melanie in einem Ton, der mit Arroganz und Desinteresse nachhallte.

Gar nicht!“, schrie Tanja geradezu in die kurze Stille hinein, ehe Michael das P von Panama aussprechen konnte.

Ihr müsst wissen“, begann sie vom toten Kitz zu erzählen, „wir erwarten nämlich Zwillinge...“

 
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