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Schuldgefühle

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SchwachPerfekt 

Sie stand am Bahnhof, lässig an einer Mauer gelehnt.

Ich stand vor ihr und nahm sie in den Arm. „Ich muss jetzt los…“

„Ja...“, antwortete sie.

Wir küssten uns kurz.

Dann ging ich und dachte nur daran, schon wieder meine Freundin betrogen zu haben. „Dabei weiß das Mädchen nicht einmal, dass ich eine Freundin habe“, sagte ich leise zu mir.

Ich hörte Musik und wartete auf den Zug, stieg ein und fühlte mich leer. Im Zug sprach mich ein Mann an:

„Ist hier noch frei?“

„Setzen Sie sich ruhig“, sagte ich trocken und wollte gerade meinen Kopfhörer wieder ins Ohr stecken, als er sagte:

„ Die Kleine am Bahnhof war echt süß!“

„Bitte?“

„Ich hab euch gesehen“

„Und?“

„Wie lang seid ihr zusammen?“

„Gar nicht“,  ich steckte meinen Kopfhörer nun doch ins Ohr, da ich keine Lust hatte mit einem Fremden über meine Privatsachen zu reden. Er nahm es hin und schwieg.

An der fünften Haltestelle stieg er aus und ich saß wieder allein. Ich streckte zufrieden meine Beine aus und verlor mich in Gedanken.

Als ich  aus dem Zug ausstieg  hätte ich mich am liebsten übergeben: der Jahrmarkt ist in der Stadt.

Mir fiel ein, dass ich mich mit meiner Freundin verabredet hatte, also musste ich über den Rummel.

Sie mag so etwas und immer, wenn ich etwas dagegen sage, bin ich ein Miesmacher, also schwieg ich.

 

„Herein spaziert, so was haben Sie noch nicht gesehen…!“

„Gewinne, Gewinne, Gewinne…“

„Die Fahrt ihres Lebens…“

Ich freute mich als Kind immer wieder auf diese fünfte Jahreszeit, doch heute scheint alles anders. Ich stieß mit einem dicken, verschwitzten Mann zusammen, der gerade einem Mädchen im Kettenkarussell unter den Rock schaute.   Er schaute mich grimmig an und wollte noch was sagen, wurde aber vom fröhlichen Geschrei eines kleinen Mädchens im Karussell wieder abgelenkt.

Ich ging weiter und kam an einer Losbude vorbei und versuchte mein Glück. Von 25 Losen 19 Nieten. Ich gewann eine kleine Trillerpfeife und schmiss sie weg.

Mein Weg führte mich zu einem Free-Fall Karussell. Hier starb letztes Jahr ein Mensch und trotzdem stehen mindestens 50 Leute  an. Vergessen wird halt heut zutage groß geschrieben.

Ich aß eine Schoko-Banane und schaute mir die Wasserbahn an. Es regnete und trotzdem fuhr sie und Leute zahlten auch noch, um nass zu werden. Schien ein wenig paradox, aber wenn sie Spaß dran hatten…

 

Ich setzte mich in eines der Partyzelte und trank mir ein kühles Bier. Hier schienen die Politik und die Arbeitslosenzahlen unwichtig zu sein. Generation neben Generationen tanzten, lachten und tranken.   Nach einiger Zeit setzte sich ein Mann, denke so  Anfang vierzig zu mir und meinte, ob ich nicht auch dieses Fest liebte. Ich erkannte den verschwitzen  Dicken  wieder und wollte ihn gerade auf seine Vorliebe für das Kettenkarussell ansprechen, da erkannte ich meine Freundin Jenny am Ausgang des Zeltes winkend stehen und ging zu ihr.

 

„Na du, genießt du schon den Rummel?“ fragte sie mit einem Lächeln.

Ich schwieg und war völlig in Gedanken.

„Ach, sei nicht so mies drauf!“ Sie nahm meinen Arm und wir gingen zusammen über den Rummelplatz.   „Schau mal, eine Wahrsagerin, es wäre doch witzig…“, sagte sie.

Ich schluckte meine Einwände und bissigen Kommentare einfach mal runter und antwortete: „Ja, lass uns hineingehen. Ich zahle.“ Sie lächelte und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Wir saßen in einem kleinen Raum, der voll stand mit kitschigem Plunder.

Meiner Freundin wurden Erfolg im Beruf und in der Liebe vorhergesagt, natürlich müsse sie noch einige Schwierigkeiten überwinden.

Sie schaute mich zufrieden an. „Alles klar, ich danke Ihnen...“ Ich wollte aufstehen.

„Nicht so schnell“, flüsterte die Wahrsagerin kaum hörbar, „einen Blick in deine Zukunft möchte ich auch noch wagen.“

Sie nahm meine Hand und schaute sie sich lange schweigend an. „Ich sehe Hass und Lügen…“, sie schwieg.

„Ich kann dir deine Zukunft nicht vorhersagen…“

Ich unterbrach sie mit einem Lachen „ Ach, meinen Sie? Sie können doch von Niemandem die Zukunft vorhersagen!“

Meine Freundin schaute mich besorgt und verärgert über meinen Kommentar an.

„Ich kann dir deine Zukunft nicht vorhersagen, weil du keine hast, du wirst bald sterben.“ flüsterte die alte Dame noch leiser und schüttelte den Kopf.

„Das höre ich von meiner Mutter auch jeden Tag und dafür muss ich keine sechs Euro bezahlen.“ Ich lachte  und stand auf. Meine Freundin folgte mir.

„Macht dir das keine Sorgen, was die Dame gesagt hat?“, begann sie nach einer längeren Stille das Gespräch.

„Ach Quatsch, als ob du Erfolg in der Liebe und Beruf haben wirst“, scherzte ich.

„Ich meine das, was sie zu dir gesagt hat, Dummkopf.“ Sie lächelte ein wenig.

„ Nein, lass es uns einfach vergessen.“ Ich nahm sie in den Arm.

 

 

Wir gingen weiter und ich sah einen Schiessstand und wollte Jenny eine Rose schießen, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

Plötzlich sah ich neben mir, mit einer Schrotflinte bewaffnet, den Mann aus dem Zug stehen. Er zielte auf mein linkes Bein und drückte ab. Ich hörte meinen Knochen zerspringen und spürte unbeschreibliche Schmerzen, während ich zusammenbrach. Es schien alles so schnell zu gehen. Leute kreischten und liefen wirr umher. Er trat näher und sprach mit einer kalten Stimme: „ Du hast deine Freundin betrogen und belogen und wirst nun dafür bezahlen.“

 

Er zielte auf mein Kopf und –

 

„Marc, was hast du denn?“ Meine Freundin sah mich fragend an.

Ich stand vor dem Schiessstand und war nass geschwitzt und brauchte erstmal einen Moment um klar zu kommen. „Nichts, ich glaub nur ich werde dir keine Rose schießen können, bin da nicht gut drin.“, log ich sie an.

„Ach lass gut sein“, sie lächelte und nahm meine Hand.

Wir gingen weiter und ich war immer noch völlig verwirrt von meinem Tagtraum. Ich versuchte es zu verdrängen.   In die Achterbahn wollte ich unbedingt mit Jenny. Sie kam diesmal mir zu Liebe mit. Wir setzten uns und die Bügel gingen herunter. In einem Mordstempo ging die Fahrt los und man hörte nur das Freudengeschrei der Fahrinsassen.

Plötzlich, kurz vorm ersten Looping, öffnete sich mein Bügel und wir fuhren hinein. Ich schrie und versuchte mich festzuhalten, vergebens. Ich fiel Kopfüber aus der Bahn heraus und schrie in Todesangst.-

 

„Marc, steh auf, wir müssen aussteigen.“, drängte mich meine Freundin. Ich war völlig benebelt und verwirrt.

„Was für eine Fahrt!.“ Sie war völlig begeistert.

Was ist los mit mir? Warum habe ich Todesvisionen?

Bevor ich mich ganz gesammelt hatte rief sie: „ Schau mal, eine Geisterbahn.“

Ich tat ihr den Gefallen.

Also setzten wir uns in einen Wagon und waren bereit uns ein wenig zu gruseln.

Als wir losfuhren, schaute ich sie an und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Ein paar Sekunden später, sah ich den Mann aus dem Zug wieder. Er saß genau da, wo Jenny gerade noch saß, nur diesmal war sein Gesicht vollkommen entstellt. Seine Haut hing nur noch in Fetzen an seinem Schädel und aus seinen Augen lief Blut. Unser Wagon hielt an und er nahm eine Axt und stand auf. Ich war wie gelähmt. Er stellte sich vorne auf die Front des kleinen Wagens und holte mit seiner Axt aus und sprach: „ Du hast dein Leben vertan!“ Und dann schlug er zu. -

 

„Du zitterst“, lachte Jenny. „ Das sind doch nur Gummispinnen und so.“ Ich kam zu mir und fasste mir an den Hals. Alles war in Ordnung. „Puh, ich muss hier raus“, stieß ich beim heftigen Atmen noch heraus. „Hast es ja geschafft. Na du bist mir ja ein Held“, neckte sie mich.

 

Ich nahm sie kaum noch wahr. Draußen sah ich überall den Mann.

Er saß im Riesenrad, in der Wasserbahn, verkaufte Zuckerwatte und fuhr Kettenkarussell.

„Was wollen sie von mir?!“, schrie ich.

„Marc, was ist los mit dir?“, hörte ich jemanden rufen. Ich drehte mich um und sah Jenny, wie sie sich wieder langsam in den merkwürdigen Mann verwandelte.

Der Mann kam langsam auf mich zu.

„Nein geh weg! Verschwinde!“, kreischte ich.

„Marc, komm zu dir, ich bin es doch nur, Jenny!“ schrie der Mann.

Ich drehte mich um und lief. Ich musste weg hier! Während ich über die Straße rannte, schaute ich nach rechts in die Scheinwerfer eines Linienbusses, der auf mich zuraste.

„Pass auf Marc! NEIN!“   -

 

„Och schau mal Schatz, eine Wahrsagerin“, sagte Charlotte zu ihrem Freund.

„Ach die sagen dir doch eh immer nur das, was du hören willst.“

„ Meinst du nicht, dass sie uns sagen kann wann wir sterben werden oder so was?“

„So etwas sagen die nicht, das wäre viel zu gefährlich…“

„Ach komm, wir gehen mal rein“, sagt Charlotte und zog an der Hand ihres Freundes.

 

(c) 2007 Andreas Wienpahl

 

 

 

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